Begriffsklärung „ganzheitliche Medizin“

Ansätze und Techniken im medizinischen Bereich, welche die Natur und den Menschen umfänglich und im Detail betrachten, werden unter dem Begriff ganzheitliche Medizin zusammengefasst. Die Bezeichnung „ganzheitlich“ umfasst dabei ganz unterschiedliche Denkmodelle, die je nach Interessensgruppe verschiedentlich geprägt sind. So kann die ganzheitliche Medizin beispielsweise ökologisch, esoterisch, etc. gefärbt sein.

Die WHO (Weltgesundheitsorganisation) definiert „ganzheitlich“ in Bezug auf die Gesundheit als Wohlergehen im umfassenden, den körperlichen und geistigen Menschen berücksichtigenden Sinn, welches auch einen soliden sozialen Status mit einbezieht. Moderne Betrachtungsweisen sehen den menschlichen Organismus als ein geordnetes System, das für Einflüsse von außen durchlässig ist. Die Bausteine dieses Systems stehen in wechselseitiger Relation zueinander, zum Ganzen und zur Außenwelt.

Das eigene Ich will als Einheit bestehend aus Körper, Seele und Geist verstanden sein. Dieses Ich ist verankert in einem Gesamtgefüge aus Mitmenschen und Gesellschaft, aus umgebender Natur, Wissenschaft und Technik sowie Religion und Glaube. Die neue ganzheitliche Medizin legt ihren Schwerpunkt weniger auf konkrete Handlungsanweisungen. Sie entwickelt vielmehr Zukunftsvorstellungen und Ideale, die versuchen, Lösungswege für eine aus rein naturwissenschaftlich-rationalem Denken geborene Sinnkrise aufzuzeigen.

Die historische Entwicklung von ganzheitlicher Medizin

Bereits in der Antike haben sich Philosophen mit der „Ganzheit“ und dem Verhältnis des Ganzen zu seinen Teilen befasst. Häufig zitiert wird in diesem Zusammenhang Aristoteles (384-322 v. Chr.) bzw. Christian von Ehrenfels (1859-1932) mit dem Ausspruch vom Ganzen, das mehr sei als nur die Summe von Einzelteilen.

Geprägt von den sozialen und kulturellen Folgen der Industrialisierung formierte sich zu Anfang des 19. Jahrhunderts in Deutschland und im benachbarten Frankreich eine Gegenbewegung mit anti-aufklärerischer Tendenz. Das Zeitalter der Romantik begann. Die Gelehrten der Romantik fühlten sich von einer Entwicklung bedroht, welche das Bild von Mensch und Natur auf eine bloße, seelenlose Ansammlung von mathematisch-physikalisch deut- und berechenbaren Teilchen reduziert und zergliedert.

Isaac Newton ist nach Ansicht der Romantiker dafür verantwortlich, dass durch seine Gesetze die Welt auf ein unpersönliches Universum reduziert wurde, welches nur nach den Gesetzen der Mathematik funktioniert und seiner sonstigen, dem Menschen wohltuenden Qualitäten beraubt wurde. Seine Definition von ganzheitlich machte Christian von Ehrenfels anhand eines Beispiels aus der Welt der Musik deutlich. Sofern nur einzelne Noten betrachtet werden und der Partitur in ihrer Gesamtheit keine Beachtung geschenkt wird, ist es nicht möglich, die Aussagekraft und das Wesen eines Musikstücks in seiner Fülle zu erfassen.

Mit der Industrialisierung erweiterte sich auch das medizinische Wissen. Im ausgehenden 19. Jahrhundert konnten Infektionserreger wie der Tuberkelbazillus oder der Choleraerreger identifiziert und mit Entdeckung des ersten Antibiotikum Penicillin (1928) wirksam bekämpft werden. Etwa zeitgleich, Mitte der 1920er Jahre, wurde von einer „Krise der Medizin“ gesprochen. Erwin Liek, damaliger Repräsentant des Modells „ganzheitliche Medizin“ kritisierte die zunehmende Technisierung, Bürokratisierung und Mechanisierung der Medizin. Praktische Heilkunst müsse mehr sein als Naturwissenschaft. Er propagierte die Ganzheit von Seele, Geist und Körper und fand auch unter angesehenen Schulmedizinern wie Ferdinand Sauerbruch oder Ludolf von Krehl lebhaften Zuspruch.

Ende der Zwanzigerjahre wurde der Begriff „Neue Deutsche Heilkunst“ geprägt. Völkisch-nationale Strömungen brachten sich und ihre Ideen in die Anstrengungen zur Überwindung der Medizinkrise ein. Sie wurden später in die nationalsozialistische Gesundheitspolitik integriert. Die Schulmedizin wurde als jüdisch-marxistisch durchsetzt und als zu sozialmedizinisch verunglimpft. Die „Gesundheitsführer der Nation“ redeten fortan vom „Naturganzen“, dem „Volksganzen“, dem „großen Ganzen“. Sie entwickelten Konzepte einer „biologischen Medizin“, welche einer erbarmungslosen, sozialdarwinistischen Ideologie von Rassenhygiene den Boden bereitete. Euthanasieprogramme und Massenmorde sind das traurige Ergebnis dieser „volksganzheitlichen“ Medizin.

Nach dem zweiten Weltkrieg waren Parolen wie „biologische Medizin“, „Neue Deutsche Heilkunde“ , „Synthese von Hochschulmedizin und Naturheilkunde“ politisch stark belastet. Die Bezeichnung „Ganzheitsmedizin“ hingegen war nicht verpönt. Es wurden Versuche unternommen, die ganzheitliche Medizin wieder hoffähig zu machen. Erstaunlicherweise konnte NS-Prominenz wie z.B. Werner Zabel (Diätberater unter Theo Morell, Hitlers Leibarzt) oder Karl Kötschau (Prodekan der Medizinischen Fakultät der Universität Jena „Kampfuniversität für ganzheitliches Denken“, Leiter der „Reichsarbeitsgemeinschaft für eine Neue Deutsche Heilkunde“) Fortbildungskurse und Veröffentlichungen zum Thema Ganzheitsmedizin leiten und herausgeben.

Die humanistische Psychologie und die New-Age-Bewegung der sechziger und siebziger Jahre brachte das Denkmodell der Ganzheitlichkeit in Europa erneut ins Gespräch. Die sich formierende Umweltbewegung mit ihrer einhergehenden Technikkritik, eine vom Vietnamkrieg traumatisierte und der Welt der Eltern und Großeltern entfremdete Generation von neuen Linken und Hippies begann die Wissenschaft heftig zu kritisieren. Man sah in ihr eine von Militär, Finanz- und Geschäftswelt instrumentalisierte Institution zur Unterdrückung der Menschen. Eine neue Wissenschaft zur Herstellung einer neuen Ganzheitlichkeit sollte geschaffen werden.

Ganzheitliche Medizin heute

Die moderne ganzheitliche Medizin lässt sich grob in zwei Kategorien einteilen:

Zum einen existiert eine ganzheitliche Medizin nach holistischer Theorie. Sie beruft sich auf ein religiös-weltanschauliches Menschenbild, welches den Ganzheitsbegriff auf weitere Elemente wie Spiritualität, kosmische Energie, usw. ausdehnt.

Zum anderen gibt es ganzheitliche Medizin mit pragmatischer Betrachtungsweise. Die Verfechter dieser Gruppe berücksichtigen auch die Erkenntnisse moderner Wissenschaften (so z.B. Psychologie, Soziologie, etc) und machen sich diese zu Nutzen.

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Good to know: Ganzheitliche Medizin beider Denkrichtungen beruft sich auf Ludwig von Bertalanffy (1901-1972). Ludwig von Bertalanffy war im 20. Jahrhundert ein bedeutender Biologe und Systemtheoretiker. Sein Denkmodell geht davon aus, dass der Mensch ein offenes Gebilde ist, das von der Umwelt sowohl beeinflusst wird als auch Einfluss auf selbige ausübt. Ganzheitliche Medizin hat folglich den ganzen, kranken Patienten im Blick und nicht nur isoliert die Krankheit, bzw. die Symptome.

Facettenreiche ganzheitliche Medizin

Ganzheitliche Medizin ist äußerst vielfältig. Sie umfasst psychosomatische Ansätze, alternative Heilmethoden, TCM (traditionelle chinesische Medizin ) sowie esoterische Strömungen (Geistheilen, Therapieren mit Kristallen, etc.)

Die wissenschaftlich begründete Medizin belegt Vorgehensweisen der psychosomatischen Medizin oder der verstehenden Psychologie zum Teil mit dem Begriff „ganzheitliche Medizin“.
System- und nachrichtentheoretische, konnektionistische und entscheidungsanalytische Arbeitsweisen in der biomedizinischen Forschung und der klinischen Medizin werden unter dem Begriff „Medizinische Kybernetik“ zusammengefasst. Die Systemtheorie identifziert und modelliert Vorgänge im gesunden und kranken Körper. Ziel ist ein tieferer Einblick in die Funktionsweise des Lebens und seiner Störungen.

Nachrichtentheoretiker befassen sich mit der Signalübertragung und der Signalspeicherung und versuchen, diese mathematisch zu beschreiben. Konnektionistische Modelle bilden eine Brücke zwischen Forschung und Anwendung, indem sie die Informationsverarbeitung in den Neuronennetzen erläutern. Die medizinische Entscheidungstheorie formuliert nachgewiesene Grundlagen für klinische Entscheidungsvorgänge.

Ziel der medizinischen Kybernetik ist es also, die vielschichtigen Zusammenhänge des Organismus und die miteinander verbundenen Funktionen besser zu erfassen, auszuwerten, in Modellen zu veranschaulichen und Grundlagen für weitere medizinische Vorgehensweisen zu definieren.

Anwendungsbereiche der ganzheitlichen Medizin

Die ganzheitliche Medizin betrachtet den Menschen in seiner Gesamtheit und geht demnach auch davon aus, dass bei Beschwerden nicht nur einzelne Körperteile betroffen sind. Damit strebt eine Behandlung auch die Berücksichtigung sämtlicher körperlicher und seelischer Beschwerden der betroffenen Person an. Dabei kommen unterschiedliche Methoden und Therapieansätze zur Anwendung, die individuell nach einer ausführlichen Anamnese zusammen gestellt werden.

Vorgeschichte ist für Therapieerfolg wichtig

Wer sich in die Hände eines Arztes für ganzheitliche Medizin begibt, der kann sich darauf verlassen, dass bei der anschließenden Therapie nicht nur gegenwärtige Beschwerden therapiert werden, sondern auch die Vorgeschichte etwaiger Schmerzen oder Beeinträchtigungen berücksichtigt wird. Die dabei gewonnenen Informationen werden dazu verwendet, krankmachende Einflüsse auf den Körper aufzuspüren und zu beseitigen. Zusätzlich bezieht die ganzheitliche Medizin aber auch die positiven Aspekte oder Wirkungen auf den Organismus auf und versucht diese zu unterstützen oder zu bestärken. Damit sind vor allem sämtliche Einflüsse zur Immunstärkung bzw. zur individuellen Organstärkung gemeint.

 

Das Ziel ist es, die Selbstheilungskräfte, die in jedem Menschen schlummern, zu aktivieren und anzuregen. Zur Anwendung kommen dabei sowohl schulmedizinische als auch naturheilkundliche Therapieansätze und Behandlungsmethoden, manchmal sogar entsprechende Medikamente. Grundsätzlich bevorzugt die ganzheitliche Medizin dabei naturheilkundliche Arzneimittel, die auf pflanzlicher, homöopathischer oder orthomelokularer Basis hergestellt werden. Bei den indizierten Maßnahmen werden solche bevorzugt, die grundsätzlich und in den meisten Fällen nur wenige Nebenwirkungen auslösen und gut verträglich sind.,

Breite Palette der Anwendungsmöglichkeiten

Patienten können davon ausgehen, dass ganzheitliche Medizin prinzipiell bei allen Erkrankungen zur Anwendung kommen kann. Es versteht sich jedoch von selbst, dass akute und auch lebensbedrohliche Situationen wie etwa ein Herzinfarkt oder ein Schlaganfall, aber auch eine Krebserkrankung von einer alleinigen Behandlung mit ganzheitlicher Medizin ausgenommen sind. In vielen Fällen macht es jedoch Sinn, bei solchen Fällen die Schulmedizin und die ganzheitliche Medizin zu kombinieren.

 

Eine gute Anwendungsoption findet sich hingegen bei vielen chronischen Erkrankungen oder aber auch bei Patienten, die an mehreren Krankheiten leiden und entsprechend viele Medikamente einnehmen müssen. Auch bei Personen, bei denen traditionelle schulmedizinische Ansätze zur Therapie versagen, kann die ganzheitliche Medizin gute Erfolge verzeichnen. Sogar Unverträglichkeiten von individuellen Arzneien oder Präparaten können dank eines ganzheitlichen Therapieansatzes gebessert oder sogar ausgeschaltet werden.

Spezifische Krankheiten mit Behandlungserfolg durch ganzheitliche Medizin

Die ganzheitliche Medizin ist in ihren Ansätzen und Therapien sehr sanft, weshalb sie auch gut bei empfindlichen oder älteren Personen eingesetzt werden kann. Sogar Kinder und Säuglinge profitieren von diesem Therapieansatz ebenso wie individuelle Risikogruppen wie schwangere Frauen oder stillende Mütter. Die Palette der Anwendungen ist groß und umfasst unter anderem den Einsatz im Kampf gegen Nahrungsunverträglichkeit und Heuschnupfen, aber auch bei allergischen Hautreaktionen.

 

Wer häufig unter Infekten von Lunge und Nebenhöhle bzw. der Blase leidet und diese Beschwerden Gefahr laufen, chronisch zu werden, sollte sich der ganzheitlichen Medizin zuwenden. Ebenso Patienten mit Hautproblemen wie Neurodermitis und Schuppenflechte, die häufig eine gute Linderung und Verbesserung ihrer Beschwerden dabei erfahren. Sogar Verdauungsbeschwerden oder Darmerkrankungen wie Reizdarm, Morbus Crohn und Collitis ulcerosa können dank Therapieansätzen aus der ganzheitlichen Medizin verbessert werden. Gerade Kinder leiden häufig unter Mandel- und Ohrenentzündungen oder aber unter Nebenhöhlen-Infekten. Eltern sollten hier die ganzheitliche Medizin ins Auge fassen, die in vielen Fällen sanft und schonend hilft.

Sonderfall: orthopädische Erkrankungen

Ein Sonderfall stellen orthopädische Erkrankungen dar, die sehr gut durch die ganzheitliche Medizin therapiert werden können. Dazu zählen vor allem akute und chronische Erkrankungen des Bewegungsapparates wie Arthrose. Auch eine große Anzahl von Sportverletzungen können durch individuelle Therapieansätze behandelt werden. Personen die an Arthrose leiden, ist die Hyaluronsäuretherapie zu empfehlen, die hier sehr gute Erfolge verbuchen kann. Aber auch bei rheumatischen Erkrankungen oder schmerzhaften Verspannungen in unterschiedlichen Wirbelsäuleabschnitten ist dank manueller Therapie oder mit Infusionstherapie eine Schmerzlinderung rasch zu erreichen.